Diskussion zum Thema "Industrie 4.0"

Im renommierten Winverlag erschien im September 2015 ein Beitrag zu "Industrie 4.0" und woran es denn fehle. Dazu folgender Kommentar:

 

Was ist "Industrie 4.0"? Ein Schlagwort? Eine neue Technik? Eine neue Ära?

 

Die Prozesse in den meisten deutschen Firmen sind, so weit es wirtschaftlich Sinn macht, weitgehend digital verbunden und gesteuert. Nicht umsonst ist Deutschland in der Lage, in einem Hochlohnland das zu fertigen, was andere Hochlohnländer als für "nicht möglich" hielten und es in die Schwellenländer auslagerten.

 

(An dieser Stelle noch mein Respekt an die Schweizer: noch teurer wie Deutschland und dennoch produzieren die Eidgenossen unverdrossen und extrem erfolgreich!)


Die Digitale Vernetzung hat Vor- aber auch Nachteile: bestehende, bekannte Prozesse laufen damit sehr schnell ab. (Zitat: "Was SAP kennt, geht schnell durch!") Seltene, ungewöhnliche Prozesse werden unmöglich, zumindest aber sehr behäbig und teuer. Deshalb bleibt ein Teil der Firmen oder auch ein Teil der Prozesse davon ausgeklammert.


Diese "ausgeklammerten" Firmen erhalten von anderen (meist größeren) die Aufträge "unter einer einzigen Bestell- und Auftragsnummer", arbeiten extrem schnell und wirtschaftlich. Oder um die Worte eines Projektleiters einer bekannten Firma zu verwenden: "Bis wir eine einfache Baugruppe durch konstruiert haben, alle Freigaben und Regelprozesse durchlaufen, bis sie im SAP angelegt, geprüft, bestellt und hergestellt haben, hat uns ein kleiner Zulieferer das ganze schon lange viel billiger und schneller geliefert. Viel schneller und billiger, als wir es jemals könnten!".

 

Das gibt zu denken.


Aber dennoch stimmt es, es fehlen einheitliche, stabile Schnittstellen für: Anfrage, Bestellung, Auftrag, Lieferung, Abnahme, Rechnung, Mahnung und Reklamation. Wir können und müssen viele Prozesse beschleunigen, aber auch stabiler machen. Was nutzt eine schnelle Bestellung, wenn sie nicht stimmt? Gar nichts!

 

In die zuständigen Normungsgremien für Computerschnittstellen schickt man aber viel zu oft, nach "bewährter deutscher Manier", oft graue "Verwaltungsmäuse", "Reichsbedenkenträger" und meist Mitarbeiter ohne ausreichender Machtbefugnis. (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel)


Wie könnte es besser gehen? Ein Blick "über den Teich": In den USA wird nach kurzer Telefonrunde ein Hotelraum gemietet, die Entwicklungsleiter aller wichtigen Firmen werden an einen Tisch gebracht und (weil man keine Zeit zu verschenken hat!) nach kurzer, fachlich hochwertiger Diskussion wird eine zweistufige Absichtserklärung (Yellow- und Whitepaper) erarbeitet. Diese gehen in die beteiligten Firmen, werden nochmal kurz geprüft und verabschiedet. Der gesamte Prozess dauert oft nur wenige Tage oder Wochen, selten länger. Nachdem alle (US)-Firmen ihre neuen Produkte nach diesem Standard (auf hohes Risiko!) in die Fertigung geben, wird es zum "Quasi"-Industriestandard und innerhalb weniger Jahre geht es in den ISO-Standard. (Diese "wenige Jahre" können im Einzelfall auch nur Monate sein!)


Der Unterschied ist folgender: während man in Deutschland dazu neigt, alle Eventualitäten und Sonderfälle abzudecken, geht man in den USA das bewusste Risiko ein, auch mal was Falsches zu entscheiden! Keine Entscheidung zu treffen, Stillstand und Verunsicherung wird in Amerika als schädlicher angesehen, als eine Schwäche oder ein Fehler zu riskieren. War der Standard "8.11a" nicht perfekt, wird eben nochmal mit neuer (!) Erfahrung zusammen  gesessen und eben "8.11b", danach "8.11c, d, e" usw. verabschiedet. Da jedoch meist auf "aufwärts gerichtete" Kompatibilität in den Standards geachtet wird, spielt es keine geringe Rolle, wenn der "perfekte Standard" und damit das "perfekte Produkt" erst später, in dritter oder vierter Iteration kommt: man konnte ja solange damit arbeiten und Geld verdienen. Der Hersteller genauso wie der Abnehmer!


Die deutschen Firmen übernehmen diese US-Standards dann, bezahlen aber einen hohen Preis dafür: Lizenzgebühren und Bindung an US-Normen.

 

Wenn wir hier was in Sachen "Industrie 4.0" verbessern wollen, dann müssen wir entschlußkräftige, fähige und unentbehrliche Mitarbeiter mit klarem Mandat in die Normungsgremien schicken, den Normungsprozess damit erheblich beschleunigen, damit wir die Richtung (besser: ?unsere? Richtung) vorgeben. Von den Anderen, die es dann dankbar nutzen, werden wir die Lizenzgebühren dann einkassieren. Aber zuvor werden wir noch denen noch unsere Produkte verkaufen. [meine Meinung dazu...]

Big Data: ein unscharfer Begriff, ein Hype, ein Geschäftsmodell:

Vor einigen Jahren fand sich folgende kleine Geschichte in einer Fachzeitschrift:

 

Ein Betreiber einer sehr großen Kinokette rief jeden Morgen die Geschäftsführer aller seiner Standort an und ließ sich von allen die Zahlen der letzten Abendvorführung geben: Anzahl Besucher, Einahmen, Ausgaben, Wetter und äußere Umstände. Das notierte er sich auf 1 Blatt DIN-A4 Papier und wusste bestens über den Zustand seiner Kette Bescheid.

 

Es kamen ein paar Unternehmensberater einer sehr bekannten, internationalen Softwarefirma und schmunzelten über sein Papier und Bleistift. Er fragte die Herren: "ob sie wissen, was Ihr Konzern gestern an Ausgaben, Einnahmen und Gewinn gemacht habe?".

 

Sie konnten es ihm selbst auf Rückfrage bei der Zentrale nicht sagen. Er sagte Ihnen: "Ich habe meine Zahlen!" und begleitete die Herren freundlich zur Tür.

 

Ist "Big Data" nun wertlos? NEIN , um Gottes Willlen, aber es nutz wenig, nur viele Daten zu sammeln. Man benötigt clevere Mitarbeiter, die diesen riesigen Fundus an Daten durchwühlen und nach Gesetzmäßigkeiten durchsuchen.

 

Dazu gibt es zwei große Ansätze:

 

1.) Man sammelt (geheimdienstmäßig) ausnahmslos alle möglichen Daten und ordne sie dem jeweiligen Kunden (oder Interessent) persönlich zu. Das ist in den USA vollkommen legal und wird täglich gelebt. Da gibt es "keine Privatsphäre", dort gibt es auch kein "Recht zur Selbstbestimmung über seine eigene, persönlichen Daten". Quatsch: da gilt der Grundsatz: "Wenn einer so tüchtig ist, und den Namen der Freundin seines Kunden kennt, dann darf er das verwenden, wann und wie er will!". Das ist einfach eine andere Mentalität und eine andere Kultur.

 

Einzige Ausnahme: es darf die "Nationale Sicherheit" nicht betreffen. Da hört der Spaß so schnell auf, dass einem Laien die Luft dabei wegbleibt. Und da liegt auch die einzige größere Grenze. AMAZON lebt dieses Geschäftsmodell bis zur Perfektion aus und sammelt (legal) nahezu alles über seine Kunden. Da kommt schon was zusammen: Wann hat sie Kunde/Interessent eingeloggt, wie lange, von welchem PC aus, welche Seiten besucht? Das wird dann schon mal "Big", also groß. Irgendwie mogelt sich AMAZON da auch durch alle Europäischen Rechte und wird auch immer wieder von der EU attackiert und mit Papierkügelchen beworfen. Das ordentlich verknüpft und mit Rabattmarken kombiniert ist schon clever gemacht. Wer hat es nicht schon selber erlebt: Man interessiert sich für ein Buch und prompt kommt der Vorschlag: "Nehme das noch hinzu und du bekommst beide zusammen für Superpreis!"

 

2.) Man sammelt allgemeine Daten und versuche Trends zu erkennen. Beispiele: Was läuft an welchen Wochentagen gut, was weniger? Welche Artikel verkaufen sich allgemein in welchem Gebiet besser als in anderen. Diese Daten geben dem Strategen eine "Richtung" ein "Überblick" und man kann sie fast 1:1 als Kenngröße und Multiplikator für beispielsweise Bestellmindestmengen bei den eigenen Lieferanten zur Hand nehmen. Man kann also nicht sagen: "der spezielle Kunde XY wird heute das kaufen", aber man kann fast genau vorhersagen, wieviele "Harald Potter - Teil 23" wir morgen verkaufen werden.

 

Was ist zu tun? Daten sammeln, wie gesagt, ist gut oder böse aus Sicht der jeweiligen Kultur. Aber man muss auch Resourcen freisetzen, um diese riesen Haufen regelmäßig, vielleicht sogar in "Echtzeit" zu durchkämmen. Leistungsstarke SQL-Datenbanken einsetzen, aus denen schnell aus dem riesigen ("Big") Haufen eine gezielte Einzelinformation oder einen Trend erkennt lassen.

Und: es muss Geld und Personal vorhanden sein, um die gewonnenen Erkenntnisse auch umzusetzen.

 

Wer denkt, man müsse nur einmalig "eine große Datenbank" kaufen, schafft einen gigantischen "Datenfriedhof" und nur Kosten. Die darauf folgenden Auswertung kostet ein Vielfaches der Erstanschaffung und produziert zwei regelmäßig wiederkehrende Dinge: erstens Kosten und vielleicht auch zweitens, viel schlimmer: widersprüchliche Aussagen zur Geschäftsführungs-Meinung und -Philosophie. Beides kann unangenehm sein. [meine Meinung dazu...]